Linda Meixner ist erfolgreiche Content Creatorin als sie beschließt ihr Smartphone für 66 Tage auszuschalten. Was das mit ihr gemacht hat und wie auch wir im realen Leben wieder mehr “online” sein können, erzählt sie im Interview.
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„Ich will wieder ohne Handy leben, nicht am Gerät so wie Crushed Candies kleben.“ Als ich das erste Mal diesen Songtext von Fluse gehört habe, hat mein inneres Ich laut „Ich auch!“ geschrien. Denn ja, ich arbeite in und mit dem Internet. Verdiene mein Geld damit Online Magazine zu befüllen und in Beiträgen auf Instagram darauf aufmerksam zu machen. Der Reichweite wegen. Und der Clicks. Dennoch habe ich immerzu das dringende Bedürfnis alle digitalen Geräte, die mich meiner ständigen Erreichbarkeit erinnern ganz tief in der Sofaritze zu verlieren. Und hoffentlich erst beim nächsten Umzug wiederzufinden. Und trotzdem bin ich dankbar für die Möglichkeiten mit weit entfernt lebenden Freund:innen durch mein Smartphone so einfach in Kontakt bleiben zu können. Ein nicht enden wollender Taumel zwischen den Vor- und Nachteilen der digitalen Einfachheiten.
Bist du stark und unabhängig wirst du vielleicht sagen: „Dann mach doch das Ding einfach aus und lass dich nicht davon beeinflussen!“ Ich sehe es schon vor mir in den Kommentarspalten. Und ja, ich arbeite daran. Doch meine Persönlichkeit beugt sich viel zu häufig den Algorithmen. Soweit, dass ich mir teilweise auf Mountainbiketouren überlege, welches Motiv sich jetzt gut auf Instagram machen würde und wie ich diese Tour wohl auf Strava betitle.
Merkste selber, oder? Deswegen habe ich mir Inspiration geholt. Eine Person, der es ähnlich ging, obwohl sie ihren Lebensunterhalt als Content Creatorin verdient. Linda Meixner. Bereits 2020 hat sie für ihre Masterarbeit 66 Tage auf ihr Smartphone verzichtet. Und ihre Erfahrungen in ihrer Masterarbeit, dem Offline Manifest, zusammengefasst. Im Anschluss hat sie das Offline Institute gegründet. Im Interview sprechen wir darüber was das Smartphone mit uns macht. Warum wir uns so schwer damit tun einen gesunden Umgang mit digitalen Geräten zu finden und wo wir anfangen können.
Denn: „Nagt es denn nicht auch an eurer Seele? Ich will im Zug aus dem Fenster blicken. Doch ich muss im Social-Media-Sondermüll ersticken“ (Fluse – Handy).
Schauen wir uns an, wie wir das ändern können.
Lisa Amenda: Linda, du hast vor einigen Jahren für 66 Tage dein Smartphone ausgeschaltet, als erfolgreiche Content Creatorin. Musste dieser radikale Cut sein?
Linda Meixner: Zuerst muss ich sagen, dass das jetzt bereits fünf Jahre her ist und wenn ich heute zurückblicke, kann ich sagen, dass das recht pionierhaft zur damaligen Zeit war. Heute wird das Thema gesellschaftlich viel diskutiert und es bewegt sich etwas und das freut mich irrsinnig. Doch ich war damals aufgrund meines Jobs extrem viel am Smartphone und auf Instagram und habe gemerkt, wie sehr mich dieser ständige Druck der Bewertung belastet hat – vor allem als Frau, wo natürlich immer auch das eigene Aussehen in Social Media mitkommentiert wird. Irgendwann habe ich mich gefragt: Wer bin ich eigentlich ohne dieses Gerät in meiner Hand? Das war der Punkt, an dem ich wusste, ich möchte das wirklich wissen.
Kam dieser Schritt spontan?
Es war kein spontaner Impuls. Der Verzicht wurde Teil eines Selbstversuchs im Rahmen meiner Masterarbeit. Ich habe mit meiner Professorin darüber gesprochen und entschieden, das wirklich konsequent zu machen. Mir war bewusst, dass das mutig ist, auch, weil ich damit meine berufliche Existenz aufs Spiel gesetzt habe. Aber ich wollte nicht halbherzig ausprobieren, sondern mich voll darauf einlassen. Am Anfang gab es auch die Überlegung nur auf Social Media zu verzichten, aber es war mir ganz klar, dass ich auf das Smartphone komplett verzichten muss.
Wie hast du diese Zeit ohne Smartphone erlebt?
Am Anfang war es sehr intensiv und ehrlich gesagt auch beängstigend. Da war diese Unsicherheit: Was passiert jetzt? Werden die Menschen mich vergessen? Doch nach dieser ersten Phase kam etwas ganz anderes. Ich wurde unglaublich glücklich, weil ich wieder wusste, wer ich bin, was mir wichtig ist und welche Werte ich habe. Die Tage wurden intensiver, die Gespräche tiefer. Ich habe gemerkt: Auf der anderen Seite dieser Angst vor dem Abschalten liegt wirklich etwas Schönes.
Millenials: Die Brücke zwischen analog & digital?
Im Anschluss hast du deine Erfahrungen in deiner Masterarbeit, dem Offline Manifest niedergeschrieben und das Offline Institute gegründet. Was war bzw. ist deine Idee dahinter?
In dieser Offline-Zeit habe ich gemerkt, wie sehr uns echte Erlebnisse fehlen. Ich bin sehr naturnah aufgewachsen, mit den Bergen, dem Wald, dem Draußensein. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass all das nur noch zur Bühne wird, etwas, das man produziert, statt erlebt. Das Offline Institute ist daraus entstanden, Räume zu schaffen, in denen Menschen wieder spüren können, was Leben ohne ständige digitale Begleitung bedeutet.
Offline bzw. analog leben ist gerade Trend. Töpfern, Stricken, Buchclubs, Offline Cafés etc. nehmen immer mehr zu und viele Menschen haben das Bedürfnis sich wieder analog zu verbinden. Was meinst du, woher kommt das?
Ich glaube, es gibt immer Trends und Gegentrends. Viele merken erst jetzt, dass Social Media und damit auch die viele Zeit vor den Bildmschirm des Smartphones sie nicht erfüllt, dass es uns zum Teil komplett entglitten ist. Wir suchen nach Identität, nach Werten, nach etwas, das uns Halt gibt. Unsere Generation kennt noch beide Welten, die analoge und die digitale. Wir können diese Brücke schlagen und tragen damit auch eine gewisse Verantwortung.
Du veranstaltest auch das Offline-Dorf, ein mehrtägiges Offline-Retreat in den Bergen. Zu Beginn verabschieden sich alle gemeinsam von ihren Smartphones und die Teilnehmenden werden eingeladen präsent zu sein. Brauchen wir solche Selbstversuche, um uns der Zeit ohne Smartphone wieder bewusster zu werden?
Ich weiß nicht, ob es immer das Extrem braucht. Aber ich glaube, wir müssen zuerst wieder spüren, wie es ohne ist. Ein Abschalten, um wieder in Balance zu kommen. Nur dann merkt man, was das Smartphone eigentlich die ganze Zeit mit einem gemacht hat. Seit meinem Selbstversuch habe ich mein Smartphone nie wieder so gesehen wie vorher. Es ist da, aber die Beziehung zu ihm hat sich komplett verändert. Smartphones können technisch großartig sein, aber wir haben nie gelernt, wirklich gesund mit ihnen umzugehen. Es geht nicht darum, alles Digitale zu verteufeln, sondern darum, eine neue Beziehung dazu zu entwickeln.
"Offline-Sein öffnet wieder Räume, um das Jetzt, sich selbst und seine Bedürfnisse wieder zu spüren."
Linda Meixner
Schneller Dopaminkick oder Zerstreuungssucht?
Was berichten Menschen nach längeren Offline-Zeiten oder Digital-Detox-Phasen?
Viele sagen: Ich dachte, mir fehlt etwas und dann merke ich, mir hat seit langem nichts mehr so wenig gefehlt. Sie erzählen von mehr Zeit, besseren Gesprächen, mehr Bewegung und bewussteren Beziehungen. Das Smartphone fragmentiert unser Leben oft. Offline-Sein öffnet wieder Räume, um das Jetzt, sich selbst und seine Bedürfnisse wieder zu spüren.
Wo siehst du den wichtigsten Ansatz für einen gesunden Umgang mit digitalen Medien? Müsste das Smartphone eventuell sogar mit Beipackzettel kommen?
Ich glaube nicht, dass Verbote allein die Lösung sind. Wir müssen viel früher ansetzen, wie zum Beispiel in der Gesundheitsförderung und in der Bildung. Kinder und Jugendliche sollten lernen, wie digitale Mechanismen funktionieren, wie Algorithmen wirken und was Medien mit ihnen machen und vor allem selbst erleben und spüren. Nicht nur strikte Lehre, sondern auch eigene Erfahrungen. Gleichzeitig brauchen wir wieder mehr Bewegung, Kreativität, sozialen Austausch, echte Entspannung und wir müssen lernen, mit unseren Gefühlen umzugehen.
Viele Menschen nutzen ihr Smartphone abends zur Entspannung. Was hältst du davon?
Oft ist das Smartphone ein vermeintliches Entspannungsventil. Man fühlt sich ruhiger, aber im Körper passiert eigentlich das Gegenteil. Wir müssen uns fragen, warum wir das Gerät zur Hand nehmen: Dahinter stehen meist Emotionen wie Stress, Überforderung oder Langeweile. Wenn ich in meinem Leben echte Zufriedenheit und langfristige Glücksgefühle habe, brauche ich dieses schnelle Dopamin über das Gerät viel weniger.
Linda's Tipps für mehr Offline-Zeit
Wenn die Leserinnen nun konkret in die Umsetzung kommen wollen, welche Tipps hast du für sie?
Ich nenne meine Tipps die Happy Dopamine Effects. Sie basieren auf zwei Säulen, dem Umgang mit deinem Gerät und der persönlichen Basis.
Beim Gerätegebrauch helfen viele kleine Strategien:
- Push-Nachrichten ausschalten oder nur drei Mal am Tag abrufen, lieber eine halbe Stunde am Stück konsumieren,
- Bildschirm auf Schwarz-Weiß stellen,
- das Smartphone optisch unattraktiv machen
- und Apps nutzen, die Unterbrechungen blockieren.
- Außerdem kann man Timer oder Wecker beim Scrollen setzen, um bewusst Pausen einzubauen.
Die persönliche Basis umfasst Bewegung, Entspannung und soziale Kontakte:
- Zwei- bis viermal pro Woche 40–60 Minuten Bewegung wirkt präventiv gegen übermäßige Smartphone-Nutzung.
- Yoga oder Atemübungen helfen, im Moment zu sein und Langeweile auszuhalten.
- Zuhause Räume smartphonefrei gestalten sowie das Handy räumlich vom Körper zu trennen, unterstützt zusätzlich.
- Einmal pro Woche bewusst Zeit mit Freundinnen, Freunden oder Familienmitgliedern verbringen – ohne Handy dazwischen.
Und was ich noch ergänzen möchte: Es ist wichtig offen zu kommunizieren. Wenn ich aus einem dringenden Grund das Smartphone nutzen muss, habe ich mir angewöhnt das anzusprechen: „Es tut mir leid, ich muss kurz aufs Handy schauen.“ Auch wenn es den anderen egal ist, mir ist das unangenehm und ich möchte das offen kommunizieren. Das zeigt Respekt, vor sich selbst und anderen. Mich stört es ja auch wenn ich mit einer Person unterwegs bin, die ständig nebenbei auf TikTok ist. Darum ist klare Kommunikation so wertvoll.
Deshalb mein Appell zum Schluss: Probiert die Strategien selbst aus, sprecht darüber mit der Familie oder mit Freundinnen und tragt die Idee weiter. So entsteht eine Bewegung, die sich gegenseitig unterstützt. Außerdem lade ich ein, das Offline Institute zu besuchen, unsere Arbeit zu beobachten oder sogar aktiv mitzuwirken.
Vielen Dank für das Gespräch und deine Tipps, Linda.
Titelbild: BUERO LUDWINA
Du willst mehr über Lindas Arbeit erfahren?
Dann schau beim Offline Institute vorbei und merke dich vielleicht direkt für das Offline Dorf 2026 vor. Ein mehrtägiges Offline-Retreat mit limitierten Plätzen in den Bergen. Oder melde dich eventuell schon zum Offtober 2026 oder den Offline Hikes an.


