Wenn du abseits der gesicherten Pisten unterwegs sein willst ist ein Aspekt essenziell: Lawinenkunde. Einen ersten Überblick über das Thema bekommst du hier. Wichtig aber: Lawinenkunde lernst du nur in der Praxis, deswegen sind regelmäßige Kurse und Trainings Pflicht. Einen ersten Kurs kannst du bei unseren Women’s Winter Camps machen.
Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste in Kürze
• Lawinenkunde ist die Grundlage für alle, die ins Backcountry möchten – unvorbereitet ins freie Gelände zu gehen ist keine Option.
• Bei einer Verschüttung zählt jede Minute – nach 15 Minuten sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit drastisch.
• Die 5 Lawinenwarnstufen (1 „gering“ bis 5 „sehr groß“) helfen, das Gefahrenniveau einzuschätzen – sie ersetzen jedoch keine Tourenplanung.
• Zur Pflichtausrüstung gehören: LVS-Gerät, Lawinensonde und Lawinenschaufel und regelmäßiges Training damit.
• Strukturierte Kameradenrettung, klare Aufgabenverteilung und Ruhe sind im Ernstfall entscheidend.
• Bei den sportingWOMEN Winter Camps trainierst du Lawinenkunde praxisnah in speziellen Workshops mit erfahrenen Guides.
• Dieser Beitrag ersetzt keinen Lawinenkurs, regelmäßige Ausbildung und Übung sind essenziell.
Unverspurter Tiefschnee, weite Hänge und dieses besondere Gefühl von Freiheit – Touren abseits der Piste sind etwas ganz Besonderes. Genau deshalb ziehen sie so viele von uns in ihren Bann. Doch wer das gesicherte Skigebiet verlässt, betritt alpines Gelände in Eigenverantwortung. Und dort gehören Lawinen zu den zentralen Risiken.
Denn wird jemand von einer Lawine erfasst und verschüttet, besteht Lebensgefahr. Befindet sich die verschüttete Person mit dem gesamten Körper unterhalb der Schneedecke sinkt bereits nach 15 Minuten die Überlebenswahrscheinlichkeit rapide und nur jede zweite Person überlebt.
Deshalb sollte zwar immer das primäre Ziel sein, nicht von einer Lawine erfasst zu werden und das Risiko so klein wie möglich zu halten. Doch wenn wir uns in der freien Natur bewegen, lässt sich ein Restrisiko nie ausschließen. Um dieses Restrisiko so gering wie möglich zu halten, empfehlen wir immer:
- ein gut informiertes und bewusstes Risikomanagement,
- sich umfassend über die aktuelle Lawinengefahr zu informieren,
- sich den Verhältnissen entsprechend zu verhalten
- und die notwendige Notfallausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde) mitzuführen.
Lawinenkunde ist deshalb kein „Nice-to-have“, sondern eine essenzielle Grundlage für alle, die ins Backcountry möchten. Denn unvorbereitet ins freie Gelände zu gehen, ist keine Option.
⚠️ Disclaimer ⚠️
Dieser Beitrag ersetzt keinen Lawinenkurs oder ein Notfalltraining. Wir geben hier lediglich erste Einblicke, die du unbedingt in mehreren und regelmäßigen Kursen wiederholen und auffrischen solltest.
Was bedeutet Lawinengefahr konkret?
Eine Lawine ist nach der Definition von Naturgefahren.Bayern: „Lawinen sind in der Fachsprache definiert als rasche Schneebewegungen über eine Länge von mehr als 50 Meter. Bei kürzeren Strecken spricht man von Schneerutschen.“
Lawinen entstehen, wenn sich Schneeschichten lösen und talwärts rutschen. Besonders gefährdet sind Hänge mit einer Neigung zwischen etwa 30 und 45 Grad – also genau die Neigung, die viele Abfahrten spannend macht. Entscheidend ist dabei nicht nur die Schneemenge, sondern vor allem der Aufbau der Schneedecke, Windverfrachtungen und Temperaturveränderungen.
Aktuelle Informationen liefern in den Alpen beispielsweise der Lawinenwarndienset Bayern, Lawinenwarndienst Tirol oder das Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF. Diese veröffentlichen täglich den Lawinenlagebericht – eine Pflichtlektüre vor jeder Tour. Doch um die Inhalte richtig einordnen zu können, braucht es Grundwissen.
Du willst wissen wie du den Lawinenlagebericht richtig liest? Unser Beitrag 👉 Lawinenlagebericht richtig lesen verrät es dir!
Die Lawinenwarnstufen – einfach erklärt
Die europäische Lawinenskala umfasst fünf Stufen. Sie helfen dir, das allgemeine Gefahrenniveau einzuschätzen. Nach dem Lawinenwarndienst Bayern sind sie wie folgt definiert:
Stufe 1 – Gering:
Auslösung mittelgroßer Lawinen ist bei großer Zusatzbelastung im extremen Steilgelände möglich. Kleine Lawinen können mit geringer Zusatzbelastung ausgelöst werden. Kleinere spontane Lawinen sind vereinzelt möglich.
Stufe 2 – Mäßig:
Auslösung kleiner und mittelgroßer Lawinen ist insbesondere mit großer (= „vereinzelt auch mit geringer“) Zusatzbelastung möglich.
Große Lawinen sind nur vereinzelt möglich. Alarmzeichen sind selten. Es gibt deutlich mehr lawinengefährdete Geländebereiche als bei geringer Lawinengefahr.
Stufe 3 – Erheblich:
Auslösung großer Lawinen ist sowohl spontan wie auch bei geringer Zusatzbelastung möglich. Wummgeräusche und „shooting cracks“ sind typisch. Fernauslösungen sind möglich.
Stufe 4 – Groß:
Auslösungen großer und sehr großer Lawinen sind sowohl spontan wie auch bei geringer Zusatzbelastung wahrscheinlich. Häufig gibt es Wummgeräusche und „shooting cracks“. Fernauslösungen sind typisch.
Stufe 5 – Sehr groß:
Mit der Selbstauslösung vieler sehr großer und extrem großer Lawinen ist zu rechnen. Flache Bereiche werden überspült. Auch Tallagen sind gefährdet.
Wichtig ist: Die Warnstufe beschreibt die regionale Gesamtsituation. Ob ein konkreter Hang sicher ist, hängt zusätzlich von Exposition, Höhe, Geländeform und Tagesverlauf ab. Genau dieses „Lesen des Geländes“ lernst du nicht aus einem Bericht oder in der Theorie, sondern durch Ausbildung und Praxis mit erfahrenen Guides.
Die wichtigste Lawinen-Notfallausrüstung
Wer ins Backcountry geht, braucht die vollständige Notfallausrüstung und muss sie sicher beherrschen. Dazu gehören drei zentrale Elemente:
Ein LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät) sendet und empfängt Signale. Im Notfall hilft es dabei, verschüttete Personen schnell zu lokalisieren. Jede Person in der Gruppe trägt ein eingeschaltetes Gerät am Körper.
Die Lawinensonde ist eine zusammenklappbare Stange, mit der nach der Ortung punktgenau im Schnee sondiert wird, um die exakte Lage der verschütteten Person zu bestimmen.
Die Lawinenschaufel dient dazu, die verschüttete Person schnell auszugraben. Zeit ist hier der entscheidende Faktor – effizientes Schaufeln muss trainiert werden.
Diese drei Bestandteile bilden die absolute Basis. Ein Lawinenairbag-Rucksack kann das Risiko zusätzlich reduzieren, ersetzt jedoch niemals Wissen, Planung und defensive Entscheidungen.
Noch wichtiger als die Ausrüstung selbst ist die Routine im Umgang damit. Regelmäßiges Üben – idealerweise unter Anleitung – macht im Ernstfall den Unterschied.
Notfallmanagement: So funktioniert die Suche
Die Kameradenrettung zählt zu den wichtigsten und absolut essenziellen Sofortmaßnahmen bei einer Lawinenverschüttung. In den ersten Minuten entscheidet sich, wie hoch die Überlebenschancen sind. Genau deshalb gilt: Ruhe bewahren, tief durchatmen und strukturiert vorgehen. Hektik kostet Zeit.
1. Überblick verschaffen und Sicherheit herstellen
Bevor die Suche beginnt, verschafft sich die Gruppe einen Überblick. An erster Stelle steht die eigene Sicherheit. Lawinen können durch Erschütterungen weitere Schneebretter in angrenzenden Hängen auslösen. Deshalb suchen sich alle Nicht-Verschütteten zunächst einen sicheren Standort außerhalb des Lawinenkegels und behalten das umliegende Gelände im Blick.
Wenn du den Lawinenabgang beobachtet hast, versuche dir genau einzuprägen, wie viele Personen erfasst wurden und an welcher Stelle sie im Schnee verschwunden sind. Dieser sogenannte „Verschwindepunkt“ ist extrem wertvoll, da er den Suchbereich deutlich eingrenzen kann. Jede gewonnene Minute erhöht die Überlebenschance.
2. Organisation der Suche
Bevor hektisch losgelaufen wird, übernimmt die erfahrenste Person der Gruppe die Leitung. Klare Kommunikation ist jetzt entscheidend. Aufgaben werden verteilt, damit jede weiß, was zu tun ist.
Alle Nicht-Verschütteten schalten ihr LVS-Gerät sofort auf SUCHEN. Nicht benötigte Geräte werden vollständig ausgeschaltet, um Störsignale zu vermeiden. Gibt es genügend Gruppenmitglieder, setzt eine Person parallel den Notruf ab. Ist die Gruppe sehr klein, beginnt die Suche unmittelbar, denn Zeit ist der kritischste Faktor.
3. Notruf absetzen
Der Notruf sollte so früh wie möglich erfolgen, ohne die unmittelbare Rettung zu verzögern. In vielen Regionen kann der automatische Notruf über entsprechende Apps ausgelöst werden oder man wählt manuell:
Internationaler Notruf: 112
- Deutschland: 112
- Schweiz – alpine Rettung: 1414
- Österreich – aus dem Inland: 140
- Italien und Südtirol: 112
- Frankreich: 112
- Slowenien: 112
Wichtige Informationen für die Rettungsleitstelle sind:
- genauer Ort (wenn möglich mit Koordinaten)
- Hangrichtung (Exposition)
- Höhe
- Sicht- und Wetterbedingungen
- Anzahl der Verschütteten
Antworte ruhig und klar auf die Fragen der Leitstelle und bleibe für Rückrufe erreichbar.
4. Suchbereich festlegen
Der Primärsuchbereich liegt in Fließrichtung der Lawine unterhalb des Verschwindepunktes. Wenn du dich oberhalb des Lawinenkegels befindest, beginnst du von oben mit der Suche. Befindest du dich unterhalb, arbeitest du dich von unten systematisch nach oben vor. Struktur verhindert, dass Bereiche doppelt abgesucht oder ausgelassen werden.
5. Die Verschüttetensuche
Die Suche erfolgt in klar definierten Phasen:
Zunächst die Signalsuche: Hier werden Auge und Ohr ebenso eingesetzt wie das LVS-Gerät. Sichtbare Ausrüstungsgegenstände, Hände oder Ski können wertvolle Hinweise geben.
Sobald das LVS ein Signal empfängt, beginnt die Grobsuche. Dabei folgst du den Distanzangaben des Geräts mit zügigem, aber kontrolliertem Tempo.
Im Nahbereich schließt sich die Feinsuche an. Das Gerät wird dicht über der Schneeoberfläche geführt, um den Punkt mit der geringsten Distanz exakt zu bestimmen.
Darauf folgt die Punktortung mit der Sonde. Systematisch wird senkrecht in den Schnee gestochen, bis ein klarer Widerstand spürbar ist. Die Sonde bleibt stecken – sie markiert die Grabestelle.
6. Ausgraben – effizient und kraftsparend
Das Ausgraben kostet meist mehr Zeit als die eigentliche Suche. Deshalb wird strategisch geschaufelt. Begonnen wird unterhalb der Sonde hangabwärts, um eine Art Rampe zu schaffen. So kann schneller und effizienter gearbeitet werden. Mehrere Personen wechseln sich ab oder arbeiten koordiniert nebeneinander.
7. Bergen, Erste Hilfe, Abtransport
Ist die verschüttete Person erreicht, wird zunächst der Atemweg freigelegt. Atmung und Bewusstsein werden kontrolliert. Je nach Zustand folgen Erste-Hilfe-Maßnahmen und Wärmeerhalt. Die Rettungskräfte übernehmen anschließend den professionellen Abtransport.
Lawinenworkshops bei den sportingWOMEN Winter Camps
All diese Schritte klingen klar und logisch, doch unter Stress funktionieren sie nur, wenn sie trainiert wurden. Genau deshalb sind praktische Übungen so entscheidend. Bei den sportingWOMEN Winter Camps ist Lawinenkunde deshalb ein fester Bestandteil des Programms. In speziellen Lawinenworkshops vermitteln erfahrene Guides nicht nur theoretische Grundlagen, sondern trainieren mit euch ganz praktisch im Gelände. Ihr lernt, den Lawinenlagebericht zu interpretieren, Hangneigungen einzuschätzen und eine strukturierte Kameradenrettung durchzuführen.
Uns ist wichtig, dass du dich nicht nur technisch weiterentwickelst, sondern auch sicherer und selbstbewusster im freien Gelände bewegst. Der geschützte Rahmen eines Frauen-Camps schafft Raum für Fragen, Wiederholungen und ehrliche Diskussionen, ganz ohne Druck.
Fazit: Verantwortung beginnt bei dir
Backcountry bedeutet Freiheit, aber auch Eigenverantwortung. Es ist niemals eine Schande, wenn du umdrehst oder dich dazu entscheidest einen Hang nicht zu fahren. Das ist ein essenzieller Teil von Eigenverantwortung und ist im Gelände alltäglich. Du musst niemandem etwas beweisen und solltest dich nicht von Gruppendynamik verleiten lassen. Höre auf dein Bauchgefühl.
Eine fundierte Ausbildung und regelmäßige Trainings geben dir nicht nur Wissen, sondern auch Sicherheit. Denn deine Sicherheit sollte immer oberste Priorität haben. Dann kannst du die Powdertage auch sicher genießen.


